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Maßgeschneiderte Konzepte: Brandschutz in Sakralbauten – Bauordnungsrecht und Normen

Wie sind Sakralbauten bauordnungsrechtlich einzuordnen? Welche Regelungen sind bei der Erstellung eines Brandschutzkonzeptes zu beachten und wie kommen Kirchen zu einem effektiven Brandschutz? Bastian Nagel, Spezialist für Bauordnungsrecht, Normen und Richtlinien bei Hekatron Brandschutz hat Antworten.

17. September 2019

Auf Grund fehlender einheitlicher Regelungen und angesichts der Nutzungsvielfalt von Sakralbauten ist die Lage beim Thema Brandschutz durchaus komplex.

Bastian Nagel

ProSicherheit: Wie sind Sakralbauten bauordnungsrechtlich einzuordnen?

Bastian Nagel: Bauordnungsrechtlich gesehen sind Sakralbauten in den meisten Fällen, beispielsweise aufgrund ihrer Gebäudehöhe oder der Personenanzahl, die dort Platz finden kann, als Sonderbauten einzustufen. Die Räume, die dem Gottesdienst gewidmet sind, fallen allerdings nicht in den Anwendungsbereich der Versammlungsstättenverordnung. Deshalb wird der gemäß Bauvorlagenverordnung geforderte Brandschutznachweis in der Regel über ein objektbezogenes Brandschutzkonzept erfolgen. Hier sind objektspezifische Konzepte und Lösungen gefordert. Neben dem Bauordnungsrecht existieren aber auch in anderen Rechtsbereichen Regelungen, die auch Sakralbauten betreffen. So regelt zum Beispiel das Arbeitsstättenrecht den Schutz von Beschäftigten und Ehrenamtlichen. Auch müssen die Eigentümer der im BGB verankerten Verkehrssicherungspflicht nachkommen und sicherstellen, dass von ihrem Gebäude keine Gefahr für Besucher ausgeht.

Bastian Nagel

Die Räume, die dem Gottesdienst gewidmet sind, fallen nicht in den Anwendungsbereich der Versammlungsstättenverordnung.

Bastian Nagel

ProSicherheit: Was bedeutet das für die Umsetzung von Brandschutzmaßnahmen in Kirchen?

Bastian Nagel: Für jedes als Sonderbau eingestufte Sakralgebäude muss beim Bau oder einer größeren Sanierung ein individuelles Konzept erstellt werden. Auf Grund fehlender einheitlicher Regelungen und angesichts der Nutzungsvielfalt von Sakralbauten ist die Lage dabei durchaus komplex. So finden in Kirchen beispielsweise häufig auch Konzerte statt oder Gemeindezentren werden als Übernachtungsort für Jugendgruppen genutzt. Schutzbedürftige Personengruppen wie beispielsweise Kinder, ältere Menschen oder Menschen mit Behinderung verkehren regelmäßig in Sakralbauten. Aufgrund des Sachwertschutzes können Versicherungsauflagen zu Anforderungen führen, die über die Vorgaben der Bauaufsicht hinausgehen. Es müssen also sehr viele Aspekte betrachtet werden, um individuelle Maßnahmenkonzepte zu erstellen.

ProSicherheit: Welche Empfehlungen würden Sie für den Brandschutz in Sakralgebäuden geben?

Für eine frühzeitige Branderkennung und Alarmierung sehe ich eine Brandmeldeanlage mit einem durchdachten Alarmierungskonzept als notwendiges Minimum.

Bastian Nagel

Bastian Nagel: Um sowohl dem Personen- als auch dem Sachwertschutz gerecht zu werden, sollten neben baulichen und organisatorischen Brandschutzmaßnahmen auch anlagentechnische Lösungen in das Gesamtkonzept eingebunden werden. Für eine frühzeitige Branderkennung und Alarmierung sehe ich eine Brandmeldeanlage mit einem durchdachten Alarmierungskonzept als notwendiges Minimum. Wichtig bei der Planung ist, dass alle Beteiligten – Betreiber, Brandschutzplaner, Fachkraft für Arbeitssicherheit, Versicherungsexperten etc. – zusammenarbeiten, um eine optimale Lösung zu finden. Das fordert auch die Norm DIN 14675-1 explizit für die Erstellung des Brandmelde- und Alarmierungskonzeptes. Hinsichtlich der Alarmierung ist eine Sprachalarmanlage sehr zu empfehlen, da über diese im Falle einer Räumung oder Evakuierung klare Anweisungen gegeben werden können. Und das geht in mehreren Sprachen, so dass auch Besucher aus anderen Kulturkreisen, die mit einem reinen Alarmsignal vielleicht nicht viel anfangen können, sofort wissen, was zu tun ist. Das erachte ich insbesondere für Kirchen als sinnvoll, die viele Touristen und Besucher anziehen.

Hinsichtlich der Alarmierung ist eine Sprachalarmanlage sehr zu empfehlen, da über diese im Falle einer Räumung oder Evakuierung klare Anweisungen gegeben werden können.

Bastian Nagel

ProSicherheit: Ist abzusehen, dass es in Zukunft eine einheitliche Regelung für Sakralbauten geben wird?

Bastian Nagel: Da das Bauordnungsrecht Ländersache ist, könnte es sein, dass es zukünftig aufgrund der aktuellen Ereignisse in einzelnen Bundesländern Regelungen oder Empfehlungen gibt. Ein über die ARGEBAU veröffentlichtes Muster-Dokument ist meinem Kenntnisstand nach nicht abzusehen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Kirchenverbände Merkblätter und Richtlinien erarbeiten, in denen Empfehlungen bezogen auf den Brandschutz zusammengefasst werden. Wünschenswert bei solchen Merkblättern wäre, dass sie neben den bauordnungsrechtlichen Anforderungen auch die angesprochenen Aspekte des Arbeitsstättenrechts sowie des Sachwert- und Denkmalschutzes berücksichtigen und den Brandschutz ganzheitlich betrachten.

Bastian Nagel ist Experte für Normen und Richtlinien bei Hekatron Brandschutz, bei ihm laufen alle Themen zu Bauordnungsrecht und Normung zusammen. Nach seinem Studium des Rettungsingenieurwesens in Köln war er als Projektingenieur und Projektleiter für Brandfallsteuerungen in einem Brandschutzingenieurbüro tätig. 2015 wurde er Schulungsreferent für Anwendungsnormen und -richtlinien im anlagentechnischen Brandschutz bei Hekatron Brandschutz, seit 2017 ist er Spezialist für Bauordnungsrecht, Normen und Richtlinien. Er ist Mitglied in zahlreichen Normungs- und Richtliniengremien bei DIN, DKE und VDI. Parallel zu seiner beruflichen Tätigkeit absolvierte er bis 2017 ein Masterstudium in Baulichem Brandschutz und Sicherheitstechnik.

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